Geboren in einem Labor als Nummer, dann 6 Jahre für Versuche missbraucht

Viele von euch werden diese Neuigkeiten zum Green Hill Prozess schon gesehen haben (http://bit.ly/15y0rIJ). Aus gegebenem Anlass möchten wir euch daher einen Erfahrungsbericht von einem Laborbeagle zeigen, geschrieben von einem Mitglied von uns:

Foto oben links: AnimalFirst.org
Foto oben links: AnimalFirst.org

"Unsere Entscheidung war gefällt: Wir möchten Hundebesitzer werden! Zwei Voraussetzungen stellte ich aber gegenüber unserer Tochter. Kein zu großer Hund und auch kein Welpe. Denn es gibt genügend Hunde in den Tierheimen, die aus ihrem bisherigen Leben abgegeben wurden. Ich dachte damals wirklich, so einen ‚fertigen‘ Familienhund finden wir sicher. (Ich lache mich jetzt noch krumm wenn ich an meine Vorstellungen von damals denke.)


Es kam natürlich alles anders, als man dachte…
Wir starteten Ende November 2010 mit den Besuchen in den umliegenden Tierheimen. Nachdem wir die Auskunft erteilten, dass wir hundeunerfahren sind und der Hund nicht groß sein sollte, fielen vorneweg ca. 95% aller dort vorhandenen Hunde für uns aus. Die verbleibenden 5% trafen weder das Herz meiner Tochter, noch meines. Im dritten Tierheim kam die entscheidende Frage: „Wie wäre es denn mit einem Beagle?“ Der Leiter erzählte uns von dem Tierheim in Egelsbach, die immer wieder Beagle aus einem Versuchslabor zur Vermittlung aufnehmen. Ich weiß noch, was ich diesem Moment dachte: „Ein Labor-Beagle? Wer weiß wie die ticken? Es ist zwar traurig, die armen Tiere dort, aber ob so ein Hund die richtige Entscheidung sein wird?“

Gleich setzten wir uns Zuhause an den Computer und haben uns die Homepage angeschaut. Vier Beagle wurden angezeigt und ein Blick traf uns alle gleichzeitig. Ein süßer Fratz namens Mandela: „Er ist seit 6 Monaten bei uns im Tierheim, und wir können überhaupt nicht verstehen, warum dieser liebe Kerl noch hier ist.“ Mandela war ein Überbleibsel aus dem Frühjahr, während alle anderen Beagle schnell ein neues Zuhause fanden.

Am nächsten Tag fuhren wir ihn besuchen. Während alle Hunde in Ausläufen freudig wedelnd an den Zaun kamen, blieben vier Beagle hinten zurück. Mandela lag zurückzogen in seiner Hütte. Wir erwarteten einen Hund, der unbedacht und gut gelaunt mit uns Spazieren geht. Stattdessen hatten wir einen Hund an der Leine, der absolut desinteressiert war, alles schnell hinter sich bringen wollte, nach 50 Metern sein Geschäft machte, sofort umdrehte und uns schleunigst zurück zum Tierheim zog. Seine Sicherheit und Geborgenheit war das kleine Hüttchen im Tierheim, sein seit 6 Monaten gewohntes Zuhause, wo seine Welt wieder in Ordnung war.

Geboren in einem Labor, dann sechseinhalb Jahre für Versuche der Firma Intervet GmbH Tiermedizin/Tiergesundheit genutzt. Natürlich fragten wir im Tierheim nach, warum er denn so sehr lange in einem Versuchslabor war, werden doch die meisten seiner Leidensgenossen 2-4 Jahre zu Versuchszwecken missbraucht. Die einzige Info, die die Tierheimleitung selbst hatte war, dass bei Mandela Versuchsreihen bzgl. Hundemedizin getestet wurden.

Nach 6,5 Jahren im Versuchslabor, einem halben Jahr im Tierheim, kam Mandela dann am 17.12.2010 das erste Mal in eine Familie. Mit über 7 Jahren in eine fremde Welt, die ab sofort sein Zuhause sein sollte. Seine erste Berührung mit seinem neuen Leben in einem Haus war auch gleich sehr unsanft. Die Gardine an der Terrassentür zum Garten war zur Seite geschoben, Mandela sah nur die Grünfläche draußen, die er ja schon aus dem Tierheim kannte, und prallte mit dem Kopf voran gegen die Fensterscheibe. Was ihm danach nie wieder passierte.

Diese neue Welt machte ihm sehr oft Angst. Jedes Geräusch, viele Bewegungen drinnen wie draußen, sie überforderten ihn. Sein Hauptanliegen zu Beginn war: sich zu verstecken! Sei es in der Kammer oder hinter dem Aquarium Die ersten zwei/drei Tage hat er nicht gefressen , getrunken auch kaum, beim Gassi gehen hat er nur gezogen als wolle er schnell weg … er hat nichts aufmerksam oder mit erhobenen Kopf betrachtet, nicht um sich geschaut, auf nichts reagiert… er war in sich isoliert… am liebsten hat er sich Zuhause in sein Hundebettchen verkrochen und ist nicht mehr heraus. Unsere Streicheleinheiten hat er aber zugelassen, das war ok für ihn. Da er noch kein Familienleben kannte, noch scheu, schüchtern und ängstlich war, war er natürlich ein sehr pflegeleichter Hund. Er stellte nichts an, bellte nicht, bettelte nicht am Tisch - er tat einfach nichts, war einfach nur lieb anwesend.

Wir wussten, dass uns viele Monate bevorstanden, in denen wir sehr viel Geduld aufbringen mussten. Spielen kannte er auch nicht, ein Ball brachte kaum eine Reaktion in ihm hervor. Und natürlich war Mandela trotz seines Alters nicht stubenrein, wo sollte er das auch je gelernt haben? Trotz vieler Spaziergänge bis spät in die Nacht hinein, habe ich jeden Morgen sein Geschäft auf den Fliesen vorgefunden. Viele Wochen lang, jeden Morgen. Immer Nachts oder in den Morgenstunden, wenn wir alle noch geschlafen haben und er seine Ruhe hatte, hat er sich auf unserem Boden entleert. Wir kauften eine große Hundebox, haben diese verschlossen, wenn wir schlafen gegangen sind, und am nächsten Morgen erst wieder geöffnet. Und ab da wurde alles gut. Die Hundebox erwies sich auch als geeigneter Rückzugsort für ihn, gab sie ihm einen zusätzlichen Schutz, vor allem wenn Besuch kam. Fremde Menschen machten ihm noch etwas Angst, er sollte sich ja nicht bedrängt fühlen und sich jederzeit zurückziehen können.

Am dritten Tag fraß er so langsam auch mal aus der Hand. Stück für Stück mussten wir uns ihm annähern, aber eben auch nie zu viel. Nach und nach lebte sich Mandela bei uns ein, begann den Garten zu genießen, entwickelte eine innige Beziehung zu unserer Tochter, die sich sehr viel mit ihm beschäftigte und sich viel Zeit für ihn nahm. Da Mandela weder Leinenführung kannte, noch ‚sitz‘ ‚bleib‘ und ‚komm‘ haben wir Hundetrainerstunden mit ihm absolviert. Auch wir mussten ja den Umgang und die Erziehung mit einem Hund noch lernen. Nur Liebe alleine reicht bei weitem nicht aus! Wir übten sehr viel mit ihm, und er lernte wirklich schnell die Grundbefehle. Seine Unsicherheit vor vielen Dingen die ihm draußen begegneten, führte dazu, dass er sich stets an uns heftete. Bei uns fühlte er sich sicher, beschützt, also warum sollte er weg laufen? Noch heute, wenn er ohne Leine im Feld herumläuft, schaut er wo wir sind, und lässt sich stets zurückrufen. Sein Jagdinstinkt ist ohnehin nicht sonderlich ausgeprägt, das ist ihm nach so langer Zeit im Labor abhanden gekommen…

Mandela war schon einige Monate bei uns, da haben wir ihn dann auch endlich das erste Mal Bellen gehört. Das war so ein schöner Klang in unseren Ohren, so als würde das eigene Kind sein erstes Wort sagen, das erste Mal ‚Mama‘ sagen. Es war die große Aufregung als meine Tochter in der Küche sein Abendessen in seinen Napf füllte. Noch heute wufft er dann voller Freude, d.h. Beagle bellen kurz, dann kommt ein Jaulen, dann wieder ein kurzes Bellen usw.

Seine Vergangenheit sitzt dennoch tief in ihm: Männern gegenüber ist er noch immer skeptisch und wenn mein Mann eine Grillzange o.ä. in den Händen hält, dann schaut er ängstlich und weicht aus. Mandela wird auch immer ein Hund bleiben, der eher dem Stress mit anderen Hunden aus dem Weg geht. Es ist schon offensichtlich, dass er seine Kinder- und Jugendzeit anders erlebte als die Hunde, die in einem normalen sozialen Miteinander aufgewachsen sind. Dominanz und starkes Selbstbewusstsein liegt nicht in seinem Wesen, er ist friedlich, lieb und zeigt nie Aggressionen. Er warnt nur dann wenn er lange penetriert wird.

Mandela ist ein treuer, folgsamer und sehr lieber Kerl, der uns jeden Tag seine Dankbarkeit und Liebe zeigt. Wirkliche Macken hat er keine, er war nie ein schwieriger Hund, obwohl er schon als ‚Angsthund‘ eingestuft werden kann. Wir freuen uns sehr, dass wir ihm eine schöne letzte Lebenshälfte geben können, und er unser Leben ebenso bereichert. Und auf die Frage hin, ob ich heute wieder einem Beagle aus einem Versuchslabor ein Zuhause geben würde: Ja, das würde ich. Das würden wir! Es gibt nicht einen Grund, der dagegen sprechen würde! Auch nicht, dass wir letztendlich einen Hund als Familienmitglied aufgenommen haben, wie ich ihn ursprünglich doch gar nicht wollte, nämlich einen Welpen. Einen damals 7jährigen Welpen, der noch alles lernen musste wie ein Hundebaby.

Mit sechseinhalb Jahren erst war er nicht mehr nur eine Nummer in einem Labor, sondern ein Lebewesen der endlich eines Namens würdig war. Wir wollten ihn nicht umbenennen, passte dieser Name so gut zu ihm, da ja auch er sein halbes Leben in Gefangenschaft verbringen musste."